Einsatzgeschichte

Verwundetentransport auf einem Kamel, Archiv Seitenautor

"Der dritte und schwächste Teil bestand zumeist aus Deutschen und Österreichern, um ihre Maschinengewehre geschart, nebst einer Handvoll berittener Offiziere und Mannschaften. Sie verteidigten sich geradezu großartig, und trotz unseres kühnen Draufgehens wurden wir immer wieder zurückgeworfen."

T. E. Lawrence, "Lawrence von Arabien"


Nach dem Bündnis zwischen der Türkei und Deutschland am 2. November 1914 erklärten England, Frankreich und Russland der Türkei den Krieg. Die türkischen Truppen konnten in Armenien, Mesopotamien und Südpalästina zunächst Erfolge erzielen.

Bereits 1914/15 waren deutsche Pionier-Truppen am Bau der Feld-Eisenbahn im Sinai zum Suezkanal beteiligt, die von der 4. Türkischen Armee unter der technischen Leitung von Heinrich August Meißner Pascha (1862-1940) errichtet wurde. Auch eine Marine-Hygieneexpedition wurde im Dezember 1914 unter Leitung des Hamburger Tropenmediziners Prof. Dr. Peter Mühlens (1873-1943) zusammengestellt. Sie arbeitete zusammen mit den türkischen Sanitätsstellen daran, die beim Wasser- und Wegebau in der Wüste auftretenden Infektionskrankheiten wie Rückfallfieber, Flecktyphus, Typhus, Abdominaltyphus, Paratyphus, Amöbenruhr, Bakterienruhr und Cholera einzudämmen. Schutzimpfungsstoffe gegen Typhus und Cholera wurden in Jerusalem aus landestypischen Erregerstämmen selbst hergestellt. Bei der Pflege in den Lazaretten halfen deutsche Borromäerinnen und Kaiserswerther Diakonissen aus Jerusalem.


Um die türkischen Streitkräfte effektiver durch Kriegsmaterial, deutsche Offiziere zur Truppenführung, Militärflieger und Truppenkontingente zu unterstützen, wurde 1916 ein deutsches „Asienkorps“ (auch "Levantekorps" genannt, nach dem hauptsächlichen Einsatzort, der Levanteküste des Libanons und Palästinas) zusammengestellt. Die offizelle Tarnbezeichnung für diese Truppe lautete "Pascha"[1]. Nachdem 1917 eine zweite Truppe in das osmanische Reich entsandt wurde, erhielt diese die Tarnbezeichnung "Pascha II", die erste Truppe wurde zur besseren Unterscheidung folglich nun "Pascha I" genannt. Mitte Januar 1916 unternahm Oberst Kreß von Kressenstein mit einigen Offizieren des Generalkommandos einen Inspektionsritt durch die Wüste bis nahe an den Suezkanal. Im März 1916 traf das Expeditionskorps Pascha über die Etappenstrecke Balkan-Konstantinopel-­Taurus-Aleppo-Damaskus-Jerusalem-Wüste auf der Sinai-Halbinsel ein. Am 1. April 1916 wurde die Fliegerabteilung 300 „Pascha“ unter Führung von Hauptmann Hellmuth Felmy (1885–1965) mit 14 Flugzeugen vom Typ Rumpler C.I in Beerscheba stationiert. Im April bezogen auch die ersten deutschen und österreichischen Truppen Quartier in Beerscheba. Die Fliegerabteilung wurde in den Nordsinai verlegt: im Juni in das Wadi al-Arisch und im Juli nach Bir el-'Abd.

Unbekannte Angehörige des Asienkorps, Archiv Seitenautor

Da sich das Eintreffen der deutschen Truppen verzögerte, fand die geplante Großoffensive gegen den Suezkanal erst in der Juli-Hitze 1916 statt und misslang. Die türkisch-deutschen Truppen wurden im nach der Schlacht von Bir Romani (3.-5. August) nach Palästina zurückgeworfen. Die Fliegerabteilung 300 wurde ab Oktober wieder nach Beerscheba und im Januar 1917 nach Ramla verlegt. Im Frühjahr 1917 siedelte das deutsche Hauptquartier nach Tell esch-Scheria (Gerar) über; am 26. März und 17. April wurden von den Türken im Gebiet von Gaza zwei Schlachten gegen die Briten unter General Edmund Allenby gewonnen.

Als Bagdad am 11. März 1917 von den Briten eingenommen war, stand das Osmanische Reich vor der Niederlage. Deutschland verstärkte nun die Militärunterstützung und entsandte eine zweite Truppe, die "Pascha II" genannt wurde. Um die türkische Armee zu stabilisieren, wurde die Heeresgruppe F mit einem fast ausschließlich deutschen Generalstab aufgebaut (sogenanntes Unternehmen Blitz, türkisch Yılderım oder Jildirim, Orduları Grubu). Teil dieser Heeresgruppe Jildirim bildete auch das Asienkorps, also die Expedition Pascha II und natürlich die Reste der Pascha I Truppen.
 

"An der Palästinafront 1918", Aquarell von F. Döbrich, Archiv Seitenautor


Im August 1917 wurde von der Obersten Heeresleitung über den Balkan und Konstantinopel das deutsche Expeditionskorps Pascha II unter Generalmajor Werner von Frankenberg zu Proschlitz (1868-1933) in den Nahen Osten geschickt, um ein weiteres Vordringen der Briten aufzuhalten. Eigentlich sollen die deutschen Truppen helfen, Bagdad von den Briten zurückzuerobern, doch im Oktober 1917 wurde dieses Ziel aufgegeben. Die Soldaten wurden zur Frontsicherung nach Palästina verlegt, um dort den englischen Vormarsch zu stoppen.

Für die Sommer-Uniformierung des neu aufgestellten Asienkorps standen umfangreiche Bestände an Schutztruppenuniformen zur Verfügung. Des Weiteren wurde auf die Ausrüstung der Ostasienexpeditionen von 1900 und folgenden zurückgegriffen. Die Winter-Uniformierung bestand aus der normalen feldgrauen Montur, wie sie auch an den anderen Kriegsschauplätzen getragen wurde.

Dr. Steubner berichtet: "Nicht weniger Sorgfalt wurde auf die persönliche Ausrüstung von Offizier und Mann gelegt. Sie war bis in alle Einzelheiten durchdacht. Man suchte durch Mitnahme von Khaki-Sommeranzügen und dicken, wollenen feldgrauen Heimatuniformen den klimatischen Verschiedenheiten des subtropischen Orients Rechnung zu tragen. Bett und Zelt waren für jeden einzelnen Mann vorgesehen. Aber auch hier mußte notwendig die Reichhaltigkeit der Ausrüstung zur Unhandlichkeit, Schwerfälligkeit und zu einem unförmigen Troß führen, welcher der Truppe, sobald die Bahn aufhörte, einfach nicht folgen konnte. Das Gepäck blieb liegen oder fiel der Plünderung, oft dem Wetter zum Opfer."

Der Anmarschweg des Asienkorps war ungemein schwierig. Im Taurusgebirge mußte alles Material von der Normalspurbahn auf eine kleine Gebirgsbahn umgeladen werden. Anschließend in Aleppo wieder auf die Bagdadbahn mit Normalspur. Das Wege- und Straßennetz im Osmanischen Reich war unterentwickelt, vielfach waren es nur ausgetretene, unbefestigte Wege, die sich bei feuchter Witterung in Schlammstraßen verwandelten. So zog sich der Anmarsch der deutschen Truppen über mehrere Monate hin.

Lastkraftwagen des Asienkorps passiert eine Pionierbrücke, Archiv Seitenautor


Die türkisch-deutschen Truppen wurden von den Briten und arabischen Milizen unter Führung von Thomas Edward Lawrence („Lawrence von Arabien“) attackiert. Zur weiteren Luftunterstützung wurden der Heeresgruppe F im September 1917 die Fliegerabteilungen 301-305 und die Jagdstaffel 55 mit insgesamt 55 Flugzeugen zugeteilt. Es waren zweisitzige Flugzeugtypen wie die Aufklärer AEG C.IV oder Albatros C.III, die Jagdflugzeuge Pfalz E.I, Pfalz E.II oder Albatros D.III und der Aufklärer oder Bomber Rumpler C.I in Gebrauch.

Unbekannte Angehörige des Asienkorps, Archiv Seitenautor

Im September 1917 brach die Sinai-Front zusammen. Ende Oktober 1917 waren die Fliegerabteilungen in es-Sawafir, Ramla, et-Tina (in der Nähe des heutigen Kiryat Malachi) und Iraq el-Manschiye (ebenfalls in derselben Gegend) stationiert. Allenby schlug die Osmanen am 31. Oktober - mit dem letzten erfolgreichen Kavallerieangriff der Geschichte - in Beerscheba und am 7. November in Gaza. Die deutschen Fliegerabteilungen wurden damals in den Norden Palästinas zurückgezogen: nach Bethlehem-Waldheim (heute Allone Abba zwischen Haifa und Nazareth), Dschenin, Samach am See Genezareth (heute Wüstung in der Nähe des Kibbuz Ma'agan), Merhavya (el-Fule) bei Afula in der Nähe von Nazaret. Auch in Dar'a (Südsyrien) waren 10 Flugzeuge zusammen mit der türkischen Flugabteilung 14 im Einsatz gegen die arabischen Milizen.
 

Am 18. Oktober 1917 besuchte der Kaiser das Asienkorps im Lager von Selimieh. Dr. Steuber berichtet: "Einen Lichtblick in der Eintönigkeit des Lagerlebens bedeutete für das Asienkorps der Besuch des Deutschen Kaisers, der am 15. Oktober zu wichtigen, politischen Verhandlungen in Begleitung des deutschen Kriegsministerts in Konstantinopel eintraf und am 18. Oktober, umgeben von Enver Pascha, Essad Pascha und dem türkischen Großen Hauptquartier im Lager von Selimieh eine Parade über das Asienkorps abhielt. Nach einem Vorbeimarsch hielt der Kaiser eine Ansprache an die Truppen, in der er mit warmen Worten auf die im fernen Flandern gerade im heißesten Ringen stehenden Kameraden und die Bundestreue der Türken hinwies."

Parade des Kraftwagenparks 505 des Asienkorps (deutlich zu sehen die Troddel an den Seitengewehren und Schutztruppen-Einheitsschulterschnüre), Archiv Seitenautor


Nach den Niederlagen der Türken wurde Jerusalem am 9. Dezember 1917 und den folgenden Tagen von den türkischen Truppen geräumt, auch das deutsche Oberkommando verließ sein Hauptquartier auf dem Ölberg im Auguste-Viktoria-Hospital und zog sich nach Nazaret zurück. Dort war das Hauptquartier von Dezember 1917 bis September 1918. Das k.u.k. Etappengruppenkommando und das k.u.k. Feldpostamt Nr. 452 befanden sich 1917-1918 in Aleppo.

Musikkapelle des Kraftwagenparks 505 des Asienkorps, Archiv Seitenautor


Zwischen Dezember 1917 und April 1918 gab es Stellungskämpfe in Mittelpalästina, von April bis September 1918 auch Kämpfe im Ostjordanland. Die deutschen Truppen in Palästina wurden noch einmal verstärkt; es befanden sich insgesamt etwa 16.000 deutsche Soldaten in Palästina. Im April und Mai 1918 kamen dabei auch das 1. Masurische Infanterie-Regiment Nr. 146 unter Generalmajor Frithjof Freiherr von Hammerstein-Gesmold (1870-1944) und von Mai bis Juli das Kurhessische-Reserve-Jäger-Bataillon Nr. 11 („Marburger Jäger“) unter Major von Menges zum Einsatz. Die deutschen Fliegerabteilungen wurden in dieser Zeit zum Teil nach Amman, Rayak, Aleppo, Hama und Homs verlegt.

Artillerie des Asienkorps mit Ochsenbespannung auf dem Marsch, Archiv Seitenautor

Interessant ist diese Episode vom 17. Juli 1918, über die Hauptmann Simon Eberhard berichtet (der genannte Oberst ist Oberst von Frankenberg): "Bei einem Besuch eines Herrn des Heeres-Gruppen-Kommandos hat der Oberst diesen, der mit aufgeknöpftem Rockkragen und darunter einer Zivilkrawatte (!) erschien, als Truppenkommandeur ersucht, sich hier an der Front nach den Vorschriften anzuziehen, was unser aller Meinung nach durchaus berechtigt war, hatten wir doch selbst überall mit der Aufrechterhaltung der Disziplin zu tun. Was geschieht nun? Nachdem der »Gemaßregelte« schon vorher durch Telephon dem Ia Mitteilung gemacht, steht tatsächlich eines Tages als Nummer 1 des Tagesbefehls der Heeresgruppe, daß es während der heißen Zeit den Offizieren und höheren Beamten usw. erlaubt sei, den obersten Rockknopf geöffnet und darunter eine schwarze oder weiße Krawatte sichtbar zu tragen, außer im Dienst mit Mannschaften und Meldungen usw.!!!

Tableau! Also unter Umgehung der Allerhöchsten Stelle, welche allein zu Uniformänderungen berechtigt ist, wird hier eine den Engländern nachgeahmte Zivilmode offiziell propagiert. Gegen das Öffnen des Kragens wird niemand etwas einwenden, das ist als Anzugserleichterung ausdrücklich in der Felddienst-Ordnung vorgesehen. Und warum dieses Theater? Weil man hinten zu eitel ist, um vor den haufenweise eingefallenen Weiblichkeiten sich mit offenem Kragen ohne etwas darunter zu zeigen! Kein Herr aus unserm Stabe macht diese Engländermode mit. Wo anders greift man natürlich begierig nach diesem »Cri de Nazareth«, und bald sieht man Unterzahlmeister, Magazinleute, auch Schreiber mit den schwungvollsten, in allen Farben schimmernden Krawatten umherlaufen...."

Die Niederlage der türkisch-deutschen Armee in Palästina und Mesopotamien war nicht aufzuhalten. Nach der Palästinaschlacht, die am 19. September 1918 begann (Schlacht von Megiddo am 20. September) und der Einnahme von Damaskus zogen sich die Truppen immer weiter zurück. Zahlreiche kleinere deutsche Verbände des Asienkorps mussten sich während des militärischen Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs auf eigene Faust durchschlagen, um das nackte Leben zu retten. Ihr Gegner Thomas E. Lawrence setzte den deutschen Abteilungen folgendes Denkmal:

„Sie waren zweitausend Meilen von ihrer Heimat entfernt, ohne Hoffnung in fremdem unbekannten Land, in einer Lage, verzweifelt genug, um auch die stärksten Nerven zu brechen. Dennoch hielten ihre Trupps fest zusammen, geordnet in Reih und Glied, und steuerten durch das wild wogende Meer von Türken und Arabern wie Panzerschiffe, schweigsam und erhobenen Hauptes. Wurden sie angegriffen, so machten sie halt, gingen in Gefechtsstellung und gaben wohlgezieltes Feuer. Da war keine Hast, kein Geschrei, keine Unsicherheit. Prachtvoll waren sie.“

Artillerie des Asienkorps mit Ochsenbespannung auf dem Marsch, Archiv Seitenautor


Die Fliegerabteilungen wurden Anfang Oktober auf dem Rückzug bis auf eine, die in Hama verblieb, nach Muslimiya bei Aleppo und schließlich nach Adana verlegt. Hier starb der letzte, posthum mit dem Orden Pour le Mérite ausgezeichnete, Kommandeur des Asien-Korps, Oberst Gustav von Oppen, an der Cholera.

Kriegsgefangene des Asienkorps werden von australischer Kavallerie abgeführt, Archiv Seitenautor


Am 30. Oktober 1918 kapitulierte die Türkei und schloss zum 31. Oktober 1918 den Waffenstillstand von Mudros (auf Limnos), der den deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen freies Geleit zusicherte. Das deutsche Asienkorps wurde nach der Kapitulation mit der anatolischen Eisenbahn nach Konstantinopel transportiert und dort mit den anderen deutschen Soldaten interniert. Die deutschen Soldaten kehrten teils über das Schwarze Meer und die Ukraine und teils ab Januar 1919 über das Mittelmeer nach Deutschland zurück. Die österreichischen Rückkehrer trafen über Triest am 24. Januar 1919 in Wien ein.

Unbekannte Kriegsgefangene des Asienkorps, Archiv Seitenautor


Kriegsgräber der gefallenen Soldaten befinden sich insbesondere in Bagdad, Jerusalem, Nazareth, Aleppo, Damaskus und auf englischen Soldatenfriedhöfen. Fliegerdenkmale für gefallene deutsche Piloten im Ersten Weltkrieg stehen in Dschenin (Palästinensisches Autonomiegebiet) an der Straße nach Nazareth sowie auf dem Templer-Friedhof in Haifa.

 

Das Kaiserliche Asienkorps

Jildirim - Der Blitz


[1]  Pascha war ein Rang innerhalb der osmanischen Armee und auch ein ziviler Titel im osmansichen Reich. Er entsprach in etwa einem Generalsrang. Vorgesetzter war ein Großvezir, dem Pascha unterstellt war der Bey, dieser vielleicht vergleichbar mit einem Oberst. Der Titel Pascha wurde dem Namen nachgestellt.